Mein lieber, junger Freund !

Datum: etwa um 1900

Auf dem Kampfplatz des Lebens werden Dir viele Feinde entgegentreten. Einer der gefährlichsten ist der König Alkohol.

Der durch seine drei Generäle Bacchus, den Gott des Weines, Gambrinus, den Gott des Bieres, und den Schnapsteufel die durstige Welt regiert und ins Verderben bringt. Mit freundlicher Miene schleicht er sich heran, und mit schönen Versprechungen sucht er den Unerfahrenen unter seine Fahne zu bringen, aber seine Versprechungen sind eitel Täuschung und Betrug.

"Ich nähre Dich", spricht er fordernd. Wie kann er Dich nähren, da er nicht den geringsten Nährstoff enthält? - Ein Stückchen Brot oder ein Schluck Milch enthält mehr Nährstoff als eine ganze Flasche Bier.

"Ich stärke Dich zur Arbeit". Ruft er Dir zu, wenn Du müde bist und vom Schweiße triefst. Alles Täuschung! Ich muss das Ross stärken, denkt auch der Fuhrmann, wenn der müde Gaul den schweren Karren die steile Straße hinaufschnellt, und die Peitsche saust herab auf das geplagte Tier. Und siehe, es zieht wirklich besser. - Glaubst Du, dass die Peitsche dem Pferde neue Kraft gegeben hat? - Was der Peitschenhieb dem Pferd, das ist der Alkohol dem Menschen.

"Der Alkohol, glaubst Du, macht frisch und stark, er braucht dazu - der Lump! - Dein eignes Mark."

"Ich wärme Dich", verheißt der Schnaps. Wenn bei strenger Kälte Dich friert, so trinke ein Glas Gebranntes, dann zieht es wie Feuer durch Deine erstarrten Glieder. Aber wie lange hält das Wärmegefühl an? - Sehr bald macht es einer desto größeren Kälte Platz. Wie viele sind schon erfroren auf dem Wege von der Kneipe" - Darum meiden auch die Nordpolfahrer in der bitteren Kälte gerade den Alkohol als ihren gefährlichsten Feind.

"Ich mache Dich froh und munter", rühmt er sich, Ja, wenn Du meinst, Fröhlichkeit und Munterkeit bestehe darin, dass man auf den Tisch schlägt, schreit und krakeelt, verhöhnt und zuschlägt, dann hat er recht. Aber folge mir in die Gefängnisse. Frage dort die Messerhelden und Totschläger, wer sie hinter Schloss und Riegel gebracht hat. Die meisten werden antworten: der leidige Trunk. Oder begleite mich in die Irrenhäuser. Woher kommt es, dass jährlich 30 000 Unglückliche diese Anstalten füllen? - Der Alkohol, der vermeintliche Freudenbringer und Sorgenbrecher, hat sie dahin gebracht.

So täuscht der Alkohol durch falsche Vorspiegelungen den Menschen, aber in Wirklichkeit ist er ein grausamer Tyrann, der über den Trinker nur Unglück und Wehe bringt.

1. Das Wehe der Armut. Wer täglich für 20 Pf. Branntwein trinkt, braucht im Jahre 73M. Wer täglich 1 Liter Bier trinkt, vertrinkt in 20 Jahren ein kleines Haus mit Garten. "Des Trinkers Haus speit den Besitzer aus." Und nun folge mir einmal in die Wohnung eines Säufers. Woher kommt es, daß kein Bett, kein Schrank, kein Sonntagsrock mehr zu sehen ist. - Woher rühren die Tränen, die das abgehärmte Weib in kummervollen Stunden vergießt? - Warum sehen die bedauernswerten Kinder so ausgehungert aus und tragen so dürftige Kleider, sie nicht Schutz gewähren gegen des Winters Frost und Kälte ?

Die Ursache dieses Elends ist der Alkohol, und diesem Tyrannen zahlt unser deutsches Volk Jahr für Jahr die ungeheure Summe von 3000 Millionen Mark, dreimal soviel als das ganze deutsche Kriegsheer und die Flotte zusammen kosten.

2. Das Wehe der Krankheit. Tritt auf den Friedhof! Könnten sie reden, die Toten, wie viele von ihnen würden sagen: der Alkohol hat uns ins frühe Grab gebracht! Er verdirbt das Blut, erschlafft den Magen und Darm, zerrüttet die Nerven und hetzt das Herz zu Tode.

3. Das Wehe der Sünde. Bei der Mehrzahl der Verbrechen hat der Alkohol seine Hand im Spiele. Er ist die Ursache unzähliger Körperverletzungen und Gewalttätigkeiten, er verleitet zur Unehrlichkeit und zu Eigentumsvergehen,
200 000 Deutsche bringt er jährlich vor den Strafrichter und in die Gefängnisse, und wie groß mag die Zahl der Sünder sein, die nur dem ewigen Richter bekannt sind !

Willst Du also frisch und gesund bleiben, willst Du es durch Fleiß und Sparsamkeit zu etwas bringen, willst Du Dich vor Sünde und Schande bewahren, so meide den Alkohol als einen gefährlichen Feind.

Dir dazu zu helfen, ist der Zweck dieses Geleitworts. Möge es Dir und allen, die es lesen, ein wirksamer Warner sein und dadurch etwas beitragen zu Deinem Wohle und damit auch zum Wohle unseres Vaterlandes!


Westfälischer Provinzialverband
Gegen den Missbrauch geistiger Getränke
Münster i. W.

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