Sucht als Chance

Am Anfang jeder Sucht steht Unzufriedenheit ( offen oder verdeckt ) mit dem bestehenden Zu -
stand oder Sehnsucht nach etwas Anderem, Erfüllenderem. Gleichzeitig existiert der Unwille, die
Bequemlichkeit, diese Suche aus eigener, innerer Kraft zu beginnen.

Das Suchtmittel bietet hier nun einen überaus verlockenden Ausweg :
Mit einem Schlag scheint alles verschwunden, wovor man sich fürchtete, glaubt man alles er -
langen zu können, wonach man sich sehnt: Das Allheilmittel scheint gefunden. Diese " Flitter -
wochen " dauern lang - manchmal jahrzehntelang.

Irgendwann merkt der Betreffende jedoch, daß diese " elegante " Lösung doch nur eine Schein -
lösung darstellt, daß er Frust statt echter Befriedigung gefunden hat. Während sein Anspruch an
Glück illusionär geworden ist, ist in der Zwischenzeit auch seine Fähigkeit es aus eigener Kraft zu
erlangen, mangels Übung verküert. Er hat sich auf den " Stoff " verlassen - nun ist er verlassen.
Der " Stoff " ; ist dabei nicht nur etwas stoffliches im Sinne unserer herkömmlichen Suchtmittel.
Nahezu alles, auch jedes Verhalten, kann Suchtcharakter annehmen.

Anstatt umzudenken und anders zu handeln, greift der Süchtige vermehrt zum " Stoff " : Mehr
desselben ( Dossierungssteigerung ), etwas anderes ( Umsteigen auf ein anderes Mittel ) oder
Besseres ( eine perfekte Version desselben ). Die Zeiträume, in denen damit eine Entlastung erzielt
wird und in denen die Täuschung funktioniert, werden jedoch immer kürzer. Das Karussell dreht
sich immer schnelle, gebraucht wird mehr und mehr und mehr.....

Unterdessen kommt es zu immer häfigen Pannen, Schwierigkeiten in familiärer und sozialer
Umwelt, berufliche Schwierigkeiten, körperliche Schäden und so weiter.

Diese werden geleugnet, bagatellisiert, isoliert, ohne Einordnung in den Gesamtzusammenhang
gesehen. Oder die Schuld wird außenstehenden Personen und Umständen zugeschoben.

Dieses wechselseitige Aufschaukeln von Verschlimmerung des Grundleidens und Verleugnen
kann manchmal erstaunlich lange Zeit anhalten.

Es gleicht einem Balaceakt am Rande des Abgrunds, wobei jedoch für Außenstehende sichtbar
wird, wie sehr sich der Gesamtzustand des Betreffenden verschlechtert, wie ein unaufhaltsamer
menschlicher Abstieg einsetzt.

Dann aber kommt die betreffende Pwerson unausweichlich zu dem Punkt, wo sie entweder unter -
geht oder aber der Wahrheit ins Gesicht sehen, kapitulieren muß. Dies geschieht oft nur unter dem
Zwang der Situation. Das ist dann der Moment des Entzuges.

Durch den abrupten Entzug des Suchtmittels bricht von einem Moment zum anderen die zuletzt
mühsam aufrechterhaltene Fiktion zusammen, man könne die Welt mit Hilfe des Stoffes unter
Kontrolle halten, man sei der Stärkere. Der Süchtige kehrt zurü,ck an den Anfangspunkt, mit dem
Unterschied, daß er viel schlechter dran ist als damals - körperlich und psychisch. Er ist nun noch
schutzloser all dem ausgeliefert, was er immer verdrängt hat, seine Schwächen, Unsicherheiten,
Unfähigkeiten, aber auch seine ins absolute gewachsenen Sehnsüchte sind gewachsen. Heilung
kann dabei nie darin bestehen, wieder so zu werden " wie damals, bevor alles anfing ". Und das ist
die große Chance des Süchtigen.

Wenn er es schafft. den Entzug durchzustehen, beginnt der langsame, schmerzvoll - mühsame
Prozeß des Nüchternwerdens. Dieser stellt eine Neugeburt dar, ein Vollzug, mit Hilfe dessen aus
eigener innerer Kraft ein neuer Mensch entstehen kann, eine Person, die, um ihre Abstinenz zu
sichern, bewußter sein muß als vorher. Der süchtig Gewordene muß, um zu überleben, in sich
selbst denjenigen ernst nehmen, von dem er früher nicht einmal gewagt hatte zu trämen. Und er
muß sich immer wieder daran erinnern, daß zwischen ihm und dem Rückfall mit allen seinen
Konsequenzen nur das erste Glas steht. Daß er immer gefährdet bleiben wird und jeweils " nur
für heute " die Verantwortung für sein Leben übernehmen kann.

Aber in dieser Situation kann er eine menschliche Reife erlangen, die Menschen ohne eine solche
Krise nur sehr selten möglich ist.

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